Copy Look: Wie die Blogosphäre und mein Rücken mich daran hinderten, mich ordentlich vorzustellen.

By | 8. September 2009

Ach, soll doch der Teufel meine Pläne holen! Freitag hatte ich André den ersten Entwurf meines ersten Posts auf Logolook geschickt. Darin stand, dass er mich maßlos über den Grünen gelobt hat, in seiner netten Vorstellung. Dass man Maschine wörtlich nehmen darf, im Sinne von am Fließband genormte Texte auswerfen. Dass sich keiner hier auch nur an eine meiner Headlines erinnern könnte – ums Verrecken nicht, weil nicht unbedingt die Spannendsten gedruckt worden sind. Und es stand drin, warum gefühlt 79,95% aller Werbetexte irgendwie gleich klingen.

So einen Artikel hatte ich also an André geschickt, mit der Bitte, mich noch ein, zwei Nächte drüber schlafen zu lassen. Jedoch: Freitag Nacht verriss ich mir im Schlaf böse den Rücken, weswegen Samstag die Schmerzrezeptoren in meinem Kopf eine Abriss-Party feierten und ich Sonntag hinter ihnen aufräumen musste. Montag stellte ich dann fest, dass ich aus aktuellem Anlass einen vollkommen neuen Artikel schreiben muss.

Denn Montag fuhr mir mit 200 Sachen das Internet-Manifest in die Parade zu Ehren meines 5-Tagesplans (www.internet-manifest.de). Falls es jemanden gibt, der es noch nicht gelesen, verlinkt oder regetwittert hat: Einige der bekannteren Blogger und Journalisten haben 17 Thesen zur Zukunft des Journalismus aufgeschrieben und es gab eine Menge Bahnhof – es war sogar noch am gleichen Tag bei Spiegel Online.

Aha! Ruft jemand. Ein weiterer Versuch, ein paar Stunden für den Artikel herauszuschinden! Denn: Was hat das mit Werbetexten zu tun?

Das will ich euch sagen, was das mit Werbetexten zu tun hat: Wenn Information schneller, freier und demokratischer wird, betrifft das auch die Werbung. Die aktuellen Beispiele ACME Sportbekleidung und ACME Telefonabzocke zeigen deutlich: Ein Einzelner kann ein Riesenunternehmen mit einem einzelnen Blogeintrag so nervös machen, dass das Riesenunternehmen PR-Selbstmord begeht.

Weiter: Im 21. Jahrhundert haben Leute die Möglichkeit, Information zu filtern. Und schlimmer: sie können unverschämterweise darauf reagieren. Sie sitzen nämlich nicht mehr passiv vor dem Volksempfänger, sondern mitten auf der Bühne. Sie können jederzeit aufspringen, laut „Müll!“ rufen und gehen (genaugenommen sitzt eine Menge Leute vor dem Fernseher, aber sie können jederzeit aufspringen, den Rechner holen und „Müll“ ins Netz posten).

Daran müssen sich Werbetexte anpassen. Sie müssen erzählen, anstatt vom Podium mit kantigen Worthülsen auf Menschen zu zielen. Sie müssen verständlich sein, anstatt zu klingen, wie Desinfektionsmittel riechen. Sie müssen Emotion wecken, anstatt mit dieser immer gleichen, zwanghaften Fröhlichkeit um die Ecke zu kommen, die einen Psychiater zu einem vielsagenden Stirnrunzeln provozieren würde. Sie müssen echt sein, anstatt zu beschönigen. Sie müssen Inhalt haben, anstatt ihn vorzutäuschen. Sie müssen einzigartig sein und auffallen, anstatt einzulullen. Sie müssen zu mehr inspirieren als zu einem Traum, weil man gerade über sie eingeschlafen ist: Wir müssen wieder mit den Leuten reden. Auf Augenhöhe.

Marken müssen mit Menschen reden wie mit Menschen – mit aller gebotenen Höflichkeit (wenn man z. B. ungebeten zum Abendessen reinplatzt, schreibt man nicht vor, was es Morgen gibt, sondern macht einen netten Vorschlag).

Das ist eine gute Nachricht für uns. Denn Werbetexter sind Menschen, keine Maschinen und wir unterhalten lieber, anstatt Leute vollzutexten.

Deshalb gibt’s noch diese Woche mein persönliches Manifest für Werbetexte im 21. Jahrhundert.

andre
Seit 1.6.2016 bin ich als Director Digital Consulting bei GREY beschäftigt. Hier kümmere ich mich vor allem um die Entwicklung und Weiterentwicklung von Digitalstrategien für unsere Kunden.
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Nach meinem Abitur absolvierte ich eine Ausbildung als Kaufmann für Marketingkommunikation
bei der Werbeagentur GREY worldwide in Düsseldorf. Vor und während meiner Ausbildung
setzte ich mich viel mit den Neuen Medien auseinander und vertiefte mein Wissen in der strategischen
Planung und der Digital Unit des Unternehmens. Nach der Ausbildung wechselte ich in die Festanstellung und betreute namhafte Kunden der Agentur im Bereich der Neuen Medien und strategischer Digital Konzeption. Seit der Gründung im Jahre 2011 arbeitete ich bei
der „Deutsche Markenarbeit GmbH“. Hier war ich als Assistent der Geschäftsführung und baute den Bereich der Neuen Medien auf. Nach der 60% Übernahme der Verlagsgruppe Handelsblatt wechselte ich gemeinsam mit Frank Dopheide zur Verlagsgruppe, nach der ich noch einen Zwischenstopp bei der akom360 (Starcom Mediavest) einlegte.

Während meiner Ausbildung bei GREY gründete ich Logolook (April 2009). Seit dieser Zeit habe ich mich mit einer Vielzahl von Logos und Marken auseinandergesetzt. Dabei steht nicht immer nur das Design, sondern vor allem auch die Werte des Unternehmens im Fokus.

2 thoughts on “Copy Look: Wie die Blogosphäre und mein Rücken mich daran hinderten, mich ordentlich vorzustellen.

  1. kingo

    Wenn Du Dich da mal nicht übernommen hast, lieber Philip!

    Also, zeitlich nicht geistig.

    Bin sehr gespannt,

    kingo

  2. Phillip

    wenn ich mich da mal nicht übernommen habe, sollte mich das sehr wundern.
    aber alles andere ist doch zu langweilig.

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