Warum heute Nacht keine Autos brennen, dafür aber eine fiktive Person in einem fiktiven Knast sitzt.

by andre on 23. September 2009

Ich möchte mich entschuldigen. Groß war “mein persönliches Manifest für Werbetexte im 21. Jahrhundert” angekündigt, mehrmals wurde es verschoben und nun, da es endlich online ist – nun, es ist ein bisschen anders, als geplant. Keinemitreißende Schrift, die Leute auf die Straße treibt, um es “denen” mal richtig zu zeigen, vorzugsweise durch Augen, die in abgeschlagenen Köpfen stecken, mindestens aber mit ein paar angezündeten Autos. Nein, es ist anders geworden. Und das ist diesmal nicht meine Schuld. Den ganzen Abend schrieb ich und schrieb und als ich fast zufrieden war, stand auf einmal ein Mann mit einer Pistole neben mir. Er eröffnete mir, dass er der Ansicht sei, als Insider sei ich der Falsche so was zu schreiben und ich möge ihn mal ranlassen. Seine Logik mag fragwürdig sein, seine waffentechnische Überlegenheit ist es nicht. Also überlasse ich ihm die Tastatur.

Liebe Leute in Marketing und Werbung, darf ich mich vorstellen? Ich bin Walter. Meine Mutter hat mir diesen Namen gegeben, weil sie sich sicher war, ich sei ein Mensch, genau einer und brauchte daher auch genau einen Namen. Ich mag diese Vorstellung irgendwie und halte an ihr fest, auch wenn ihr mir oft das Gefühl gebt, ich sei 3,5 ledige Männer mit einem verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen von 2500-2688 Euro, eineinhalb Wellensittichen und einer viertel Pistole.
Ich bin kein Psychologe, aber ich bin mir sicher, dass ein bis zwei kräftige Männer kämen und mich behutsam in ein Bett legen würden, wenn ich so was von mir denken würde. Nun, da kann ich mich aber auch irren. In euren Augen irre ich mich ja öfter, weil ihr mich für strunzendumm haltet. Für so dumm, dass ihr euch manchmal wundert, wie zur Hölle ich eigentlich den Fernseher anbekomme, in dem ich eure bunten Filme sehe. Oder das Radio. Oder dieses Internet. Ganz so blöd bin ich aber gar nicht. Denn immerhin habe ich gelernt, wegzuschalten, wenn diese eure Filmchen kommen. Und umzublättern, ohne einen
allzu genauen Blick auf eure bunten Anzeigen zu werfen. Ich habe nämlich gelernt, dass Werbung ziemlich langweilig ist.
Immer die gleichen Worte, in die immer gleichen Formulierungen gepresst, im immer gleichen Rhythmus, in der immer gleichen Fröhlichkeit. Und immer sagt mir das alles gar nichts. Oh doch! Stimmt! Dasunddas ist ja innovativ. Dasunddas ist dynamisch. Diesunddas ist flexibel und voll individuell! Nur erklärt mir keiner, was genau jetzt so innovativ, dynamisch, flexibel und individuell an den Dingen ist. Ganz abgesehen davon, dass ich langsam anfange, nach den Dingen zu suchen, die NICHT innovativ, dynamisch und so weiter sind. Warum tut ihr das? Fällt euch nichts Besseres ein? Oder glaubt ihr, so was wollen wir lesen? Glaubt ihr, das sagt uns was ihr von uns wollt? Oder glaubt ihr, wir halten euch für weniger glaubwürdig, wenn wir es herausfinden? Das wäre ein ziemlich böses Vorurteil uns gegenüber. Aber es gibt noch ein
viel böseres: Ihr glaubt, wenn ihr uns schon beim Fernsehen, Radio hören oder Lesen (mache ich ab und zu, aber nur was mich interessiert, nicht was mich interessieren soll) stört, dann müsst ihr es gleich auf die Spitze treiben und rumschreien und mir vorschreiben, wo ich “jetzt gleich zugreifen” muss. Das schätze ich gar nicht so sehr, wie ihr denkt – eigentlich eher gar nicht. Wenn jemand unangemeldet vorbei kommt, dann habe ich es ganz gern, wenn er sich die Füße abtritt, leise Platz nimmt und etwas Interessantes zu erzählen hat. Denn hat er das nicht, werde ich beim nächsten Mal so tun, als sei ich nicht da.

Was ist es eigentlich, das euch daran hindert, mich ein bisschen zu unterhalten? Mir einfach mal was Nettes zu erzählen? Eine Geschichte, vielleicht darüber, wie eure dynamische Innovation erfunden wurde? In einem Ton, der sich für einen Gast in meinem Kopf gehört? Was spricht dagegen, wenn eure Marken sich benehmen wie Leute? Am Leben teilnehmen, statt am Rand zu stehen und zu krakeelen? Was spricht dagegen, MIT mir zu reden, statt ZU mir? Denn ihr müsst wissen:
Wenn ihr mir etwas sagt, dann vermittelt ihr mir nicht in erster Linie Fakten. Ihr zeigt mir, wie wir zueinander stehen. Also achtet auf euren Ton. Darüber können wir uns auch gerne noch mal in Ruhe unterhalten.

Jetzt muss ich aber weg. Die Polizei kommt.

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  1. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Matthias Zellmer und André Paetzel. André Paetzel sagte: Manifest der Werbetexte mal anders http://bit.ly/3goNG @UlrichWicked @robgreen @enypsilon werbemanifest [...]

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