Warum die Bahn Sonntag arbeiten muss

By | 13. November 2009

Wenn Gott, am sechsten Tage plötzlich ein bisschen die Lust verloren und an seiner Idee gezweifelt hätte, dann wären Menschen ungefähr so, wie die Charaktere DBIngo und DBInga aus der sogenannten #twittsoap der Deutschen Bahn.
Die Grundidee ist ja eigentlich ganz nett – das Personalmarketing nutzt Social Media, um mit Abiturienten darüber zu sprechen, dass man bei der Bahn nicht nur muffiger Schaffner, sondern auch gut gelaunter Ingenieur werden kann. (Wer generell einen Job als Ingenieur sucht, sollte es aber auch über andere Webseiten versuchen. Über die Plattform von Ecareer.de kann man sicherlich einige Jobangebote finden). Ideen, was man "mal werden könnte" sind für diese Zielgruppe sicherlich relevant. Darüber ein nettes Gespräch mit den Leuten zu führen, das halte ich nicht für falsch. Die Umsetzung hingegen ist so naiv lausig, dass ich mich zunächst gefragt habe, ob das vielleicht zum Konzept gehört. Es gibt ja schließlich auch Leute, die sich über Teleshopping kaputtlachen können.

Die Schwächen des Konzeptes – warum Twitter die falsche Plattform ist, dass man besser echte Studenten hätte mit der Zielgruppe in Dialog treten lassen und dass die ganze Umsetzung platter ist wie ne Spammail (und dabei weniger charmant), das alles hat Volker H. Davids in seinem Blog Kommunikation schon treffend analysiert. Hier soll es nun um die Frage gehen, was man hätte besser machen können, wenn man unbedingt bei der Idee “Twittsoap” mit fiktiven Charakteren bleiben möchte.

Dazu braucht man zunächst einmal fiktive Charaktere. DBIngo und DBInga sind weit davon entfernt, so etwas zu sein. Sie sind nicht mehr als eine Vorstellung einer Skizze der Blaupause eines Klischees (Blog Kommunikation fragt sich: “An welche Zielgruppe sollen die sich bitte wenden (…) Ist das der Entwurf des neuen Praktikanten?).

Auch eine fiktive Figur muss lebendig sein. Sie hat bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir einen Blick in ihr Leben werfen bereits ein Leben gelebt. Sie hat ihre eigene Geschichte und spricht ihre eigene Sprache. Sie hat ihre eigene Gefühlswelt, ihre eigenen, inneren Widersprüche, ihre eigene Motivation Dinge zu tun oder nicht zu tun. Und ganz wichtig: Sie muss das Potenzial haben, sich weiter zu entwickeln. Ist all das nicht gegeben, gibt es keine Story. Die Charaktere aus Lost zum Beispiel wären in der dritten Folge am Strand verhungert, was aber niemand besonders schlimm gefunden hätte, weil nach der ersten sowieso keiner mehr eingeschaltet hätte.

Viele Autoren spinnen deshalb viel mehr Geschichte um ihre Figuren, als sie für die eigentliche Story brauchen würden – sie wollen die Figuren, die sie kreiert haben so gut wie möglich kennen. Und Robert McKee schreibt in seinem Buch Story – Prinzipien des Drehbuchschreibens sinngemäß, dass es nicht um Stereotypen gehe, sondern um Archetypen. Das bezieht er nicht nur auf die Figur – aber hier ist es ganz besonders wichtig.

Die Bahn möchte “neben witzigen Dialogen” “soviel DB wie möglich zeigen”. Doch wie sollen diese witzigen Dialoge entstehen, wenn keine Figuren da sind, die miteinander reden können? Übrig bleibt also DB zeigen. Volker H. Davids hat recht: Das Ergebnis ist leider eine Broschüre, die jemand gewaltsam in Dialogform gepresst hat.

Ohne gute Charaktere wird die twittsoap kaum über das jetzige Niveau hinauskommen. Und das ist nur der eine Teil: Es könnte auch helfen, wenn etwas passieren würde, das sich zu erzählen lohnt. Dafür brauchen Ingo und Inga nun aber Ziele, Motivationen, Hindernisse, Gegenspieler (und das alles in nachvollziehbar und glaubwürdig, und nochmal McKee: universelle menschliche Erfahrungen, statt Klischees). Wenn Lost im Schlaraffenland spielen würde und es keine Feinde gäbe, wären in der fünften Folge alle an Verfettung gestorben. Was aber keinen interessiert hätte, weil … genau.

Ich sehe zwei Möglichkeiten: Die Bahn tritt in direkten Dialog mit der Zielgruppe (und zwar nach deren Regeln, in deren Sprache und dort wo sie sind). Oder sie macht Infotainment, dann aber bitte richtig – und das heißt wohl Überstunden am siebten Tag. 

andre
Seit 1.6.2016 bin ich als Director Digital Consulting bei GREY beschäftigt. Hier kümmere ich mich vor allem um die Entwicklung und Weiterentwicklung von Digitalstrategien für unsere Kunden.
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Nach meinem Abitur absolvierte ich eine Ausbildung als Kaufmann für Marketingkommunikation
bei der Werbeagentur GREY worldwide in Düsseldorf. Vor und während meiner Ausbildung
setzte ich mich viel mit den Neuen Medien auseinander und vertiefte mein Wissen in der strategischen
Planung und der Digital Unit des Unternehmens. Nach der Ausbildung wechselte ich in die Festanstellung und betreute namhafte Kunden der Agentur im Bereich der Neuen Medien und strategischer Digital Konzeption. Seit der Gründung im Jahre 2011 arbeitete ich bei
der „Deutsche Markenarbeit GmbH“. Hier war ich als Assistent der Geschäftsführung und baute den Bereich der Neuen Medien auf. Nach der 60% Übernahme der Verlagsgruppe Handelsblatt wechselte ich gemeinsam mit Frank Dopheide zur Verlagsgruppe, nach der ich noch einen Zwischenstopp bei der akom360 (Starcom Mediavest) einlegte.

Während meiner Ausbildung bei GREY gründete ich Logolook (April 2009). Seit dieser Zeit habe ich mich mit einer Vielzahl von Logos und Marken auseinandergesetzt. Dabei steht nicht immer nur das Design, sondern vor allem auch die Werte des Unternehmens im Fokus.

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