Der Beziehungsinflation folgt bekanntlich die Beziehungsdeflation

By | 2. Mai 2010

Bei den Kollegen von Carta habe ich heute einen wirklich interessanten Artikel gelesen. Daher im vornherein vielen Dank für die Übersetzung und die Aufbereitung.
Bei der Übersetzung handelt es sich um einen Artikel von Umair Haques Blog bei Harvard Business Review. Zwar ist der Artikel schon ein paar Tage her, doch trotzdem finde ich, sollte man sich mit dem Thema noch einmal genauer auseinandersetzen.
Denn schon alleine die Überschrift, gibt schon einmal eine Menge Denkanstöße, die in einem eigentlich schon vor lesen des Textes einige Fragen hervorrufen.

“Die Social-Media-Blase: Nennen wir es Beziehungsinflation”

Aber auf die Fragen, die bei mir entstanden sind, möchte ich gleich noch genauer eingehen. Umair Haques spricht in seinem Post ein Thema an, was wohl so quasi jedem widerfährt, wenn er sich in die Welt von Social Media und Co begibt. Es folgen einem Menschen, von denen man zuvor noch nie etwas gehört hat. Man kommt mit ihnen ins Gespräch, fügt sie bei weiteren Netzwerken hinzu und verdichtet den Kontaktaustausch. Ein Phänomen, dass sich so manch einer auch auf der Straße wünschen würde, gerade dann, wenn er auf Partnersuche ist. Aber im Netz sind die Barrieren geringer, und über die Tasten und Touchscreens lässt sich doch viel schneller eine Nachricht loswerden als über die Lippen.
Aber was unterscheidet nun eine Beziehung in der “digitalen” Welt von der in der “realen”?

“Die „Beziehungen“ im Innersten der sozialen Blase sind nicht echt, da sie gerade nicht von gegenseitigen Investitionen geprägt sind. Sie sind höchstens gekennzeichnet durch einen gelegentlichen Austausch von Informations- und Aufmerksamkeitshäppchen.”

Haques unterstützt diese These mit weiteren Punkten auf die ich auch ganz gerne eingehen würde. Dabei sind die Worte Vertrauen, Entmachtung, Hass, Ausgrenzung, Wertschätzung und Aufmerksamkeit die besagten Schlüsselworte. An allen Worten ist was dran, doch denke ich, brauchte ich hier seine Begründungen nicht wiederholen, sondern kann direkt an seine Punkte anschließen. Wer seine Stellungnahme noch einmal lesen möchte klickt einfach hier.

Denn für mich birgt der Begriff Beziehungsinflation eine kleine Gefahr, die noch größer werden kann, wenn das Gegenpendant davon eintritt. Denn bekanntlich folgt auf jede Inflation auch irgendwann eine Deflation. Doch was passiert dann mit den “nicht echten Beziehungen” im innersten der sozialen Blase. Haque vergleicht das Leben in den sozialen Netzwerken und unserem “realen” Leben mit einem Schönheits-  und Beliebtheitswettbewerb. Während wir im Netz nur darauf hinaus sind, Ruhm und Anerkennung zu erlangen, widerstrebt es uns um “normalen” Leben Vertrauen, Verbindung und Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.
Ich stimme ihm zu, dass die Absichten in den unterschiedlichen Sphären  auseinander gehen, doch muss er meiner Meinung nach bei seinen Überlegungen noch einen Schritt weiter gehen.
Denn was passiert erst, wenn wir uns auf dem Rückweg befinden, und aus unserer Beziehungsinflation erst eine Beziehungsdeflation wird? Natürlich ist es einfach, einen “Freund” auf Facebook hinzuzufügen, aber ist es auch genau so einfach, einen “Freund” auf Facebook zu löschen. Jüngstes Beispiel von Facebook zeigt uns doch, dass man diese emotionalen Grenzen verhindern möchte. Denn ein “gefällt mir” lässt sich wesentlich einfacher klicken als ein “Fan werden”. Oder denken wir einmal zurück an die Burger King Kampagne auf Facebook. Hättet ihr es gewollt, dass man euch die Freundschaft kündigt?

Zwar gebe ich dem Autor recht, dass es durchaus auch Leute gibt, die lediglich darauf achten, wie viele Follower sie zum Beispiel auf Twitter haben, doch glaube ich gleichzeitig auch dass diejenigen, die sich mit der Materie sehr stark auseinander setzen auch zum Großteil ganz genau wissen, was passieren könnte, wenn aus der Inflation, plötzlich eine Deflation wird.
Denn derjenige, dem die “Freundschaft” gekündigt wird, wird in dieser Situation mit großer Sicherheit eine andere Auffassungsgabe haben, als der, von dem die “Kündigung” kommt.

Daher meine Meinung zu dem Thema:
Wenn wir schon über Beziehungsinflation sprechen, sollten wir uns auch mit den Risiken und Auswirkungen der Deflation befassen. Denn dann können wir meiner Meinung nach sehen, ob die Beziehungen wirklich so “ungebunden” und wenig “verbindend” sind.

andre
Seit 1.6.2016 bin ich als Director Digital Consulting bei GREY beschäftigt. Hier kümmere ich mich vor allem um die Entwicklung und Weiterentwicklung von Digitalstrategien für unsere Kunden.
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Nach meinem Abitur absolvierte ich eine Ausbildung als Kaufmann für Marketingkommunikation
bei der Werbeagentur GREY worldwide in Düsseldorf. Vor und während meiner Ausbildung
setzte ich mich viel mit den Neuen Medien auseinander und vertiefte mein Wissen in der strategischen
Planung und der Digital Unit des Unternehmens. Nach der Ausbildung wechselte ich in die Festanstellung und betreute namhafte Kunden der Agentur im Bereich der Neuen Medien und strategischer Digital Konzeption. Seit der Gründung im Jahre 2011 arbeitete ich bei
der „Deutsche Markenarbeit GmbH“. Hier war ich als Assistent der Geschäftsführung und baute den Bereich der Neuen Medien auf. Nach der 60% Übernahme der Verlagsgruppe Handelsblatt wechselte ich gemeinsam mit Frank Dopheide zur Verlagsgruppe, nach der ich noch einen Zwischenstopp bei der akom360 (Starcom Mediavest) einlegte.

Während meiner Ausbildung bei GREY gründete ich Logolook (April 2009). Seit dieser Zeit habe ich mich mit einer Vielzahl von Logos und Marken auseinandergesetzt. Dabei steht nicht immer nur das Design, sondern vor allem auch die Werte des Unternehmens im Fokus.

2 thoughts on “Der Beziehungsinflation folgt bekanntlich die Beziehungsdeflation

  1. chSchlesinger

    Das Internet bedient seine User mit jenen Heteronymen, die Fernando Pessoa damals über seine Einsamkeit hinweghalfen. Nicht selten ergeben sich solch machtvolle Beziehungen, welche uns früher in Bibliotheken eilen ließen, mehrbändige Biographien, Tagebücher, Briefwechsel längst verstorbener Schriftsteller zu erwerben.

  2. andreandre Post author

    Du drückst es gut aus, ich glaube “MACHTVOLL” ist hier genau dir richtige Bezeichnung.
    Wäre ja eigentlich mal interessant zu untersuchen, ob die Beziehungsinfaltion ein Grund der Vereinsamung sein kann. Bei manchen glaube ich das zwar nicht, aber für einige könnte es eventuell ein Ziel darstellen, möglichst viele Follower zu erhalten. Dann wäre wir allerdings wieder bei dem Punkt von Haque.

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